Die Heidenauer Aue
Gewässerstruktur und Einzugsgebiet eines Fließgewässers
Diplomarbeit im Studienfach Geographie
vorgelegt von Kerstin Grabowsky (2004)
Gutachter: Prof. Dr. E. Grimmel, Prof. Dr. G. Miehlich
Zusammenfassung
Die Heidenauer Aue, ein 3-5 m breites Fließgewässer in der Stader Geest, ist Hauptvorfluter für ein landwirtschaftlich geprägtes Einzugsgebiet. Zielsetzung der Arbeit war, den aktuellen Zustand des Gewässers und seines Einzuggebietes, sowie die Entwicklung, die zu diesem geführt hat, zu dokumentieren und zu bewerten. Eine große Bedeutung kam dabei der unnatürlich hohen Sandfracht zu, die das Gewässer mit sich führt. Schließlich sollte das Bild eines naturnahen Zustandes entwickelt und Vorschläge für planerische Konsequenzen abgeleitet werden.
Wie aus Altunterlagen des Landkreises Harburg hervorgeht, wurde die Heidenauer Aue um 1915 kanalartig begradigt und vertieft, um in der vorher nassen und häufig überschwemmten Bachaue eine landwirtschaftliche Produktionssteigerung herbeizuführen. Eine Auswertung der Kurhannoverschen Landesaufnahme (1769) und von Querprofilen und Lageplänen vor dem Ausbau zeigt, dass die Aue bis 1915 vielfältig strukturiert war: Das Gewässer mäandrierte stark, viele Prall- und Gleithänge waren ausgeprägt und es gab tiefere (ca. 1 m uGOF) und flachere (ca. 0,30 m uGOF) Bereiche. Bach und Aue standen in vielfältigen ökologischen Wechselbeziehungen, wobei die Aue bereits als Jungviehweide genutzt wurde und in ihren Ausprägungen nicht mehr den natürlichen Verhältnissen einer Bachaue mit Erlen- und Birkenbruchwäldern in der Stader Geest entsprach. Mit dem technischem Ausbau sind die Querschnitte der Heidenauer Aue vereinheitlicht worden, wobei die Böschungen mit Neigungen von 1:1,5 und 1:2 ausgebaut wurden und eine Vertiefung höchstens bis 1 m uGOF erfolgte. Der Lauf des Gewässers wurde durch die Begradigung stark verkürzt. Bach und Aue wurden durch den Ausbau des Entwässerungssystems entkoppelt. So wurden Hochwasserspitzen schneller abführbar und der Grundwasserspiegel im Gebiet abgesenkt.
Ein Vergleich zwischen historischer und aktueller Gewässerstruktur ergab, dass sich zwischen 1915-2003 der morphologisch-strukturelle Zustand der Heidenauer Aue weiter veränderte, wobei die Veränderungen ausschließlich von so genannten Unterhaltungsmaßnahmen zur Abflusssicherung herrühren. Das Gewässer ist heute noch stärker, sogar bis auf 1,90 m uGOF, in das Gelände eingeschnitten. Die Böschungen sind teilweise sehr steil, mit Neigungen von 2:1. Andere gravierende Eingriffe sind die Ausdehnung des direkt an die Aue angeschlossenen Grabensystems, der Ausbau der Hauptzuflüsse und vermehrter Grünlandumbruch mit landwirtschaftlichen Nutzungsdruck bis an die Böschungsoberkante.
Der aktuelle Zustand der Heidenauer Aue wurde im Rahmen dieser Arbeit mit dem niedersächsischen Verfahren zur "Strukturgütebewertung für kleine bis mittelgroße Fließgewässer" (NLÖ, 2001) aufgenommen. Dabei wurden unter dem Begriff der Gewässerstruktur die räumlichen und materiellen Differenzierungen des Gewässerbettes und seines Umfeldes, soweit sie hydraulisch, gewässermorphologisch und hydrobiologisch wirksam und für die ökologischen Funktionen des Gewässers und der Aue von Bedeutung sind, verstanden. Zur Anwendung kamen sowohl die indexgestützte Bewertung als auch die Bewertung anhand funktionaler Einheiten, die sich an einem Leitbild orientiert. Das Ergebnis der Bewertung wird in einer 4-bändrigen Darstellung für die Parameter Sohle, Ufer, Land und Gesamtbewertung in der Gewässerstrukturgütekarte präsentiert. Dabei zeigt sich, dass sich die Heidenauer Aue in 5 Hauptabschnitte unterteilen lässt, die sich durch ähnliche Eigenschaften der Strukturparameter auszeichnen. Auf der 7-stufigen Bewertungsskala dominieren für sämtliche Parameter die Werte "5-stark verändert" bis "6-sehr stark verändert", wobei sich Unterschiede in der Bewertung v. a. aus der Nutzung des Umlandes (Grün- oder Ackerland), der Strukturierung der Sohle und den verschiedenen Tiefen-/Breitenverhältnissen der Profile ergeben. Positiv hervor hebt sich der zweite Hauptabschnitt, der von der Edmund-Siemers-Stiftung gestaltet und insgesamt mit "3-mäßig verändert" bewertet wurde. Die Anpflanzung von Erlen und punktuelle Stein- und Geröllschüttungen haben zu einer beginnenden Differenzierung des Gewässerbettes und seines Umfeldes geführt. Die Unterhaltung wird dort manuell durchgeführt.
Als besonders problematisch stellte sich in diesem Zusammenhang die über weite Strecken monotone, sandige Sohle dar. Bäche in der Stader Geest sind, je nach den im Ausgangsmaterial vorhandenen Anteilen, durch kiesige Sohlabschnitte gekennzeichnet. Kiesstrecken sind z. B. wichtig für die Bachforelle, ein typischer Fisch dieser Gewässer, die für eine erfolgreiche Eiablage kies- und geröllreiche Rauschen im Bach benötigt. Im Gebiet sind großflächig kiesige saalezeitliche Schmelzwassersande auf Sohlniveau verbreitet, so dass genügend kiesige Anteile zur Ausbildung einer gut strukturierten Sohle bereitstehen. In der Heidenauer Aue überdeckt jedoch mittelsandiges Sediment kiesige Abschnitte teilweise mit einer Mächtigkeit von 40 cm. Ursachen liegen hier in dem Ausbau und der Unterhaltung des Gewässers für landwirtschaftliche Zwecke: durch die sukzessive Verbreiterung der Sohle durch Sedimententnahme bei den Unterhaltungsarbeiten wird die formgebende Fließgeschwindigkeit verlangsamt und vereinheitlicht. Die Entstehung von Strukturen - und damit von vielfältigen Lebensräumen - wird unterbunden. Außerdem wird bei den Unterhaltungsarbeiten oder auch durch Viehtritt das nicht durch z. B. Erlenwurzeln befestigte Ufer verletzt, wodurch vermehrt Sand in das Gewässer gelangen kann. Weitere Gründe liegen in einer unangepassten, erosionsfördernden Landwirtschaft auf den nicht bindigen, sandig-schluffigen Böden im Einzugsgebiet. Vor allem die Anlage von Maisflächen bis an die Böschungsoberkante der Hauptzuflüsse, sowie Grünlandumbruch in der Aueniederung führen ebenfalls zu einem verstärkten Sandeintrag in die Heidenauer Aue.
Eine Analyse der Korngrößenzusammensetzung der Sohle in Teileinzugsgebieten mit einheitlichen Nutzungsarten (Grün- oder Ackerland) deutete darauf hin, dass den unnatürlichen Profil- und Strömungsverhältnissen im Hinblick auf den starken Sandtrieb eine größere Bedeutung als der Nutzung zukommt. Die Heidenauer Aue führt auch in reinen Grünlandgebieten eine hohe Sandfracht, identifizierbar an übersandeten Kiesbänken. Die Zusammenhänge zwischen Ausgangsmaterial, Landnutzung, Gewässerausbau, Unterhaltung und der Sohlstruktur sind jedoch sehr komplex und konnten in dieser Arbeit nicht abschließend geklärt werden. Um die Dynamik des Gewässers besser verstehen und beschreiben zu können, müsste es über mehrere Jahre, besonders nach Starkregenereignissen, begleitet werden. Eine quantitative Zuordnung der Herkunft der Sandmassen war im Rahmen vorliegender Arbeit nicht möglich und erfordert eine aufwendige Versuchsanordnung.
Um die Heidenauer Aue und ihr Einzugsgebiet in einen naturnäheren Zustand zu überführen, sind in ein einzugsgebietbezogenes Gesamtkonzept integrierte Renaturierungsmaßnahmen notwendig. Als übergeordnetes Entwicklungsziel wurde formuliert, dass die Heidenauer Aue nach dem Niedersächsischen Fließgewässerschutzsystem als Nebengewässer der Oste, die als "Hauptgewässer 1. Priorität" genannt ist, "Rückzugs- und Wiederbesiedlungsraum für die Lebensgemeinschaften des Hauptgewässers" sein soll. Als Einschränkung gilt, dass es sich bei dem Gebiet nicht um ein zukünftiges Naturschutzgebiet, sondern um landwirtschaftlich genutztes Gebiet handelt.
Im Maßnahmenkonzept wurden Vorschläge zum Erreichen von Teilzielen entwickelt. Das Einhalten von Gewässerrandstreifen, standortgerechte Anpflanzungen und punktuelle Stein- und Geröllschüttungen sollen zur Entwicklung von naturnahen, gewässertypischen Strukturen, die in die Strukturgüteklasse "3" eingeordnet werden können, beitragen. Technische Bauwerke wie Rohrdurchlässe oder Brücken können zur Sicherung der Durchgängigkeit im Längsprofil entfernt oder umgestaltet werden. Durch die Umstellung der Unterhaltung auf Handarbeit können die Unterhaltungsarbeiten extensiviert werden. Eine Sohlaufhöhung und damit ein Anheben des Grundwasserspiegels kann durch die gezielte Anlage von Querstrukturen erreicht werden. Bei direkt an die Heidenauer Aue angrenzenden Ackerflächen (43 ha) besteht ein hoher Handlungsbedarf für Nutzungsänderungen zu Grünland. Die Sandfracht aus dem Einzugsgebiet soll auf Dauer durch die Anlage von Randstreifen an Gewässern 2. Ordnung und durch flächendeckend erosionsmindernden Ackerbau reduziert werden. Vorübergehend kann hier die Einrichtung von Sandfängen in den Nebengewässern eine Lösung darstellen.
Diese Vorschläge können umgesetzt werden, wenn sie durch den politischen und administrativen Rahmen gestützt werden. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL), die als wichtigstes übergeordnetes Regelwerk anzusehen ist, fordert bis 2015 den "guten ökologischen Zustand" der Oberflächengewässer. Der EU-WRRL entgegen wirkt aber die subventionsgestützte EULandwirtschaftspolitik, die nicht auf die Unterstützung von z. B. erosionshemmenden Landschaftselementen wie Hecken oder Gewässerrandstreifen ausgerichtet ist, sondern im Gegenteil durch die festgelegten Milchquoten die Rückwandlung von Acker- in Grünland und damit eine Erosionsminimierung verhindert. Vor Ort ist eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Wasserwirtschaft (Unterhaltungsverband Obere Oste), den Anliegern, Gemeinden und dem Naturschutz (Niedersächsisches Fließgewässerschutzsystem) notwendig, um eine Verbesserung der Strukturen der Heidenauer Aue zu gewährleisten. Diese Arbeit soll einen Baustein zu einer positiven Entwicklung beitragen.
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