Der Transferfaktor

Der Transferfaktor gibt das Verhältnis der Radionuklidkonzentration im eßbaren Teil einer Pflanze zur Radionuklidkonzentration des Bodens an, auf der sie gewachsen ist. Ein Transferfaktor von 0,1 z.B. bedeutet, daß die Konzentration des betreffenden Isotopes in der Pflanze 0,1 oder 10 % im Vergleich zur Konzentration im Boden ist. Liegt der Faktor über 1, reichert die Pflanze das betreffende Isotop an, z.B. bei einem Faktor von 2 auf das Doppelte.

Der Transferfaktor ist keine Konstante, sondern hängt sehr stark ab von der Radionuklidart, von der Konzentration des Radionuklids im Boden, der Bodenart, dem Mineralstoffangebot, der Düngung, dem Humusgehalt und der Pflanzenart. Entsprechend hoch ist die Schwankungsbreite der bislang ermittelten Transferfaktoren.

Tabelle: Schwankungsbreite der Transferfaktoren Boden-Pflanze für Cäsium und Strontium
in Bq/kg Frischgewicht Pflanze : Bq/kg Boden Trockengewicht
(Quelle: IFEU-Bericht Nr. 43)

Transferfaktor Cs Transferfaktor Sr
Blattgemüse 0,075 - 0,9 0,08 - 7,8
Kartoffeln 0,023 - 0,16 0,015 - 0,38
Wurzelgemüse 0,0025 - 0,15 0,055 - 21
Gras 0,0011 - 14 0,018 - 9,8
Klee 0,004 - 33 0,22 - 7,4
"Vegetation" (BMI 1979) 0,05 0,4

Der Wert für "Vegetation" ist der von der Strahlenschutzkommission für alle Pflanzen- und Bodenarten einheitlich verwendete Transferfaktor, der vom BMI 1979 zur allgemeinen Verwendung in radioökologischen Berechnungen empfohlen wurde.

Trotz der hohen Variationsbreite gibt es einige Gesetzmäßigkeiten, mit deren Hilfe man den Transferfaktor zumindest grob einschätzen kann:

Tabelle: Mittlere Transferfaktoren für 137Cs und 90Sr
in pflanzlichen Nahrungsmitteln
(Ergebnisse aus langjährigen Lysimeterversuchen)
(Quelle: atomwirtschaft 1986)

Für 137Cs Parabraunerde Podsol Mittelwert
Getreide 0,0014 0,0402 0,0208
Kartoffeln 0,0011 0,0310 0,0161
Blattgemüse 0,0062 0,0361 0,0212
Fruchtgemüse 0,0006 0,0102 0,0054
Mittelwert 0,0023 0,0294 0,0159
Für 90Sr      
Getreide 0,17 0,34 0,25
Kartoffeln 0,20 0,06 0,13
Blattgemüse 0,44 1,00 0,72
Fruchtgemüse 0,11 0,49 0,30
Mittelwert 0,23 0,47 0,35

Auch über das Anreicherungspotential der verschieden Pflanzen gibt es widersprüchliche Aussagen. Am Häufigsten findet man folgende Kette (abnehmender Transferfaktor):

Blattgemüse - Wurzelgemüse - Getreide - Kartoffel

Tabelle: Kalium- und Calziumgehalt von Pflanzen
(Quelle: Natur 7/1986, S.89)

Kalium Calcium Kalium Calcium
Artischocke **** * Möhren *** o
Blumenkohl *** o Paprika ** o
Bohnen *** o Pastinak ***** o
Brokkoli ***** * Petersilie ********** **
Brunnenkresse *** ** Portulak ******** *
Chicorée * o Radieschen *** o
Chinakohl ** o Rettich *** o
Endivien *** * Rosenkohl **** o
Erbsen *** o Rote Rüben **** o
Feldsalat **** o Rotkohl *** o
Fenchel ***** * Sellerie *** *
Grünkohl ***** ** Schnittlauch ***** **
Gurken * o Schwarzwurzel *** *
Kohlrabi **** * Sojabohne o ***
Kopfsalat ** o Spargel ** o
Kresse ****** ** Spinat ** o
Kürbis **** o Tomaten *** o
Lauch ** * Weißkohl ** o
Löwenzahn ***** ** Wirsing *** o
Mangold **** * Zwiebel ** o
Meerrettich ****** *
* = 100 mg/100 g eßbare Pflanzenteile
o = bis 50 mg/100 g eßbare Pflanzenteile

Über die Pflanzen finden die Radionuklide ihren Weg in tierische Lebensmittel wie Fleisch und Milch und schließlich zum Endverbraucher Mensch. Auch hier hat man Transferfaktoren bestimmt und auch hier gibt es eine erhebliche Schwankungsbreite:

Tabelle: Schwankungsbreite der Transferfaktoren Pflanze-Tier für Cäsium
in Bq/kg Frischgewicht Fleisch : Bq/kg Frischgewicht Pflanze
(Quelle: IFEU-Bericht Nr. 43)

Rind 0,007 - 0,09
Kalb 0,04 - 1.5
Schwein 0,2 - 1,0
Schafe, Ziegen 0,1 -0,2
BMI "Nutztier" 0,03

An- und Abreicherung in diesem Teil der Nahrungskette sind nicht mehr allein vom Transferfaktor abhängig, sondern außerdem von der Halbwertszeit des entsprechenden Nuklids, der biologischen Halbwertszeit, der Radioaktivitätskonzentration im Futter sowie der Futterzusammensetzung. Mit einer Anreicherung muß man z.B. rechnen, wenn der Transferfaktor beim Rind > 0,02, beim Schwein > 0,1 und beim Geflügel > 1 beträgt.

Über die Futterzusammensetzung kann man auch hier die Transferfaktoren beeinflusse. Der Übergang von Strontium kann durch Ca-Gaben verringert werden. Weniger Cäsium gelangt in das Fleisch bzw. in die Milch, wenn das Futter hohe Faseranteile enthält, wenn die Futterpflanze auf kaliumreichen Boden wuchsen oder gar Kalium mit dem Futter vermischt wird. Auch durch Zumischung von Bentonit läßt sich die Cs-Aufnahme erheblich vermindern.

Während Cäsium von Mensch und Tier gut aus der Nahrung aufgenommen wird, landet der größte Teil des Strontiums bei erwachsenen Tieren in den Endprodukten der Verdauung. Bei Kindern und Jungtieren sieht es allerdings leider anders aus. Zwei Tage alte Kälber und drei Wochen alte Ferkel entziehen dem Futter 94 % des Strontiums, während ihre Muttertiere nur ca. 15 % verwerten.Säuglinge nehmen in den ersten beiden Lebensmonaten fast 2/3 des Strontiums in der Nahrung auf, ihre Eltern dagegen nur 20-50 %.

Die Strontium-Konzentration in der Milch ist bei Tieren, die relativ wenig Milch geben (Ziege, Schaf), höher als beispielsweise bei Kühen.

In der Milch verteilen sich Cäsium und Strontium unterschiedlich. Beide Isotope meiden das Fett, so daß Butter und Rahm weniger belastet sind als Magermilch. Bei der Käseherstellung geht das Cäsium immer in die Molke, gleichgültig ob das Kasein durch bakterielle Säuerung (z.B. bei Harzer Käse, Romadur, Quark und Frischkäse) oder durch Labferment (bei Hart-und Schnittkäse wie Tilsiter und Emmentaler) ausgefällt wird. Strontium dagegen verbleibt im Labkasein und ist nur zusammen mit der sauren Molke abzutrennen. (Generell gilt: Je härter der Käse, desto mehr Lab).

Die höchsten Tranferfaktoren finden sich im aquatischen Milieu. Im Wasser zirkuliert der radioaktive Fallout viel länger als in der Luft, d.h. die Lebewesen schwimmen quasi in einer Wolke radioaktiver Partikel, die durch die Wasserbewegung immer wieder aufgerührt und durchmischt wird. Hinzu kommt, daß Wasserlebewesen gezielt für sie wichtige Substanzen aufnehmen und anreichern können und zwar umso stärker, je niedriger die Konzentration dieser Stoffe ist. Dabei können im Süßwasser extrem hohe Anreicherungsfaktoren auftreten, die sich durch Weitergabe über die Nahrungskette noch potenzieren.

Eine amerikanische Untersuchung eines Süßwassersees in der Nähe eines Atomkraftwerkes ergab folgende Anreicherungsfaktoren für Strontium:

Wasserpflanzen 280 - Teichmuschel 730 - Elritze 950 - Barsch 3000 - Bisamratte 3000

Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl hat die Universität Konstanz für den Bodensee folgende Cäsium-Werte gemessen:

Wasser < 1Bq/kg - Plankton 28 Bq/kg - Aal 19 Bq/kg - Hecht 57 Bq/kg - Flußbarsch 300 Bq/kg - Silberfelchen 142-363 Bq/kg


Abb.: Ausbreitung von Radionukliden in der Umwelt


Abb.: Bodenkontamination mit 137Cs in Bq m-2 im Mai 1986 in der Bundesrepublik Deutschland (aus: Veröff. der SSK Band 7)
Abb.: Zeitlicher Verlauf der auf dem Boden deponierten Aktivität einzelner Nuklide in Neuherberg

Abb.: Eindringen von Radionukliden in den Boden am Beispiel von 137Cs/134Cs bei einem Grünlandboden, ca. 3 Wochen nach der Deposition

Abb.: Jährliche Aufnahme radioaktiver Stoffe mit der Gesamtnahrung. Gezeigt ist die vom Fallout der oberirdischen Atombombentests herrührende, seit Mitte der 60er Jahre zurückgehende Belastung der Lebensmittel. Durch die Reaktorexplosion in Tschernobyl wurden wieder ähnlich hohe Werte wie in den frühen 60er Jahren erzeugt. Im Unterschied zum Atombombenfallout ist die aufgenommene Aktivität von 90Sr beim Tschernobyl-Fallout nur 1 % statt 10 % der des 137Cs.

weiterführende Literatur (Auswahl):