Ist der Salzstock Gorleben - Rambow

als Endlager für radioaktive Abfälle geeignet?

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von Eckhard Grimmel


(Statement für das internationale Endlager-Hearing des Niedersächsischen Umweltministeriums vom 21.-23. 9. 1993 in Braunschweig)

 

Übersicht:

I. Vorbemerkung

II. Warum ein Endlager im Salzstock Gorleben-Rambow?

III. Warum ein Endlager in einem Salzstock?

IV. Wege aus der "Gorleben-Salzstock-Sackgasse"

V. Literatur

I. Vorbemerkung

In Anbetracht extrem langer Abklingzeiten (10 - 20 Halbwertzeiten) vieler Radionuklide ziviler oder militärischer Provenienz und der permanenten Stoffumlagerungen in der Erdkruste durch den Wasser- und Gesteinskreislauf gewährleistet kein künstliches oder natürliches Barrierensystem einen langzeitigen Schutz der Biosphäre vor "end"gelagerten Radionukliden.

Deshalb ist aus geobiologischer Sicht die fortgesetzte atomindustrielle Erzeugung großer Mengen radioaktiver Abfälle bzw. bestrahlter Brennelemente und deren "End"lagerung in der Erdkruste grundsätzlich nicht zu verantworten.

II. Warum ein Endlager im Salzstock Gorleben-Rambow?

Die Erdkruste des Norddeutschen Tieflandes, insbesondere in der Region des unteren Elbetales, ist in der jüngsten geologischen Vergangenheit (Quartärzeit) durch intensive tektonische, glazioisostatische, erosive, sedimentäre, halokinetische und subrosive Prozesse geformt worden, und sie wird sehr wahrscheinlich auch in Zukunft in ähnlicher Weise weitergeformt werden. Sie ist von einem geologisch konsolidierten stabilen Zustand noch weit entfernt. Die bisherigen Rekonstruktionen der komplexen geologischen Faktorenkonstel- lationen und Prozeßabläufe sind noch in hohem Maße hypothetisch und spekulativ. Sie stellen keine wissenschaftlich tragfähige Basis für eine Bewertung eines Endlagers für radioaktive Abfälle dar.

Die physikalisch-chemische Instabilität von Salzgesteinen und die halokinetische Mobilität von Salzstöcken, insbesondere unter dem Einfluß wärmeproduzierender radioaktiver Abfälle, sowie deren Lagerstättenpotential (chemische Rohstoffe, Speicherkavernen) schließen eine positive Bewertung der geologischen Barriere "Salzstock" grundsätzlich aus (vgl. Abschnitt III.).

Der Salzstock Gorleben-Rambow ist sehr wahrscheinlich halokinetisch noch mobil. Er hat großflächigen subrosiven Kontakt mit den Grundwasserleitern seines Deckgebirges. Deshalb muß auch sein Deckgebirge als untaugliche Barriere gegen eine Ausbreitung von Radionukliden aus einem Endlager im Salzstock bezeichnet werden. Das gilt insbesondere für den Fall von Deckgebirgszusammenbrüchen beim jederzeit möglichen Ersaufen von Bergwerkshohlräumen als Folge von natürlichen oder bergbaulich bzw. einlagerungstechnisch induzierten gebirgsmechanischen Prozessen in der Erkundungs-, Betriebs- oder Nachbetriebsphase.

Der Unterzeichner empfiehlt mit Nachdruck, keine weiteren Erkundungen des Standortes Gorleben durchzuführen, da es keine Chance gibt, einen geowissenschaftlich und geotechnisch begründeten Beweis für eine Eignung des Salzstockes Gorleben-Rambow weder als langzeit- lich noch als kurzzeitlich sicheres Endlager für radioaktive Abfälle zu liefern.

III. Warum ein Endlager in einem Salzstock?

Salzstöcke weisen die folgenden endlagergefährdenden Eigenschaften, Merkmale und Prozesse auf:

- Inhomogenität (Steinsalz, Kalisalze, Anhydrit, Salzton)

- komplizierte halokinetische Deformationen (Falten, Brüche)

- instabiler halokinetischer Gleichgewichtszustand

- hohe Löslichkeit von Steinsalz und Kalisalzen im Grundwasser

- hohe Wasserleitfähigkeit von klüftigem Anhydrit und Salzton

- geringe Sorptionsfähigkeit von Salzgesteinen für Radionuklide

- hoher Kristallwassergehalt und Wärmeempfindlichkeit (Schmelzen, Kristallwasserabgabe) von Kalisalzen

- Thermomigration von Lösungseinschlüssen im Salzstock in Richtung wärmeproduzierende Abfälle

- chemische Agressivität heißer Salzlösungen (Auflösung künstlicher Barrieren)

- radiolytische Zersetzung von Steinsalz zu metallischem Natrium und Chlorgas (exotherme, evt. explosive Rückreaktionen; Aufschmelzen von Salz und Abfällen)

- radiolytische Zersetzung von Wasser zu Wasserstoff- und Sauerstoffgas (Druckaufbau bei Gasundurchlässigkeit des Salzkörpers; Bersten des Salzkörpers; Eindringen von Grundwasser; Auspressen kontaminierter Lösungen durch Salzkonvergenz)

- vielfältige, z.T. noch unbekannte chemische Wechselwirkungen zwischen radioaktiven Abfällen und Salzgesteinen/Salzlösungen/Salzschmelzen

- Mobilisierung von Salzgesteinen durch wärmeproduzierende radioaktive Abfälle (Destabilisierung des Bergwerks; Rißbildung in der Salzschwebe über dem Bergwerk; Migration von Abfallcontainern; unübersehbare und unberechenbare Folgewirkungen)

- irreversibles Ersaufen von Salzbergwerken infolge von Riß- und Spaltenbildung im Salzkörper infolge künstlicher Veränderungen der natürlichen Spannungszustände im Salzstock

- unbeabsichtigte Zerstörung eines Endlagers durch zukünftige Lagerstättenerkundung

- zu geringer Abstand eines Endlagers in einem Salzstock von der Biospäre (< 1000 m)

- wirtschaftliche Entwertung einer Salzlagerstätte durch eingelagerte radioaktive Abfälle

Der Unterzeichner empfiehlt aus diesen und aus weiteren Gründen, nicht nur die Erkundung des Standortes Gorleben zu beenden, sondern auch auf die Erkundung anderer Salzstock-Standorte zu verzichten, da die Barrierenwirkung von Salzstöcken zu gering ist, um eine Langzeitisolierung eines Endlagers zu gewährleisten.

IV. Wege aus der "Gorleben-Salzstock-Sackgasse"

1. Eine nicht rückholbare "End"lagerung radioaktiver Abfälle darf erst dann durchgeführt werden, wenn auf internationaler Ebene Konsens über die geowissenschaftlich und geotechnisch bestmöglichen Lösungen erzielt worden ist.

2. Die bisher produzierten hochaktiven und/oder langlebigen Abfälle sind wegen der Gefahr terroristischer Anschläge in bunkerartig gesicherten Zwischenlagern bis zur Verfügbarkeit von akzeptablen Endlagern aufzubewahren.

3. Endlager müssen nach dem Multibarrierensystem ausgelegt sein. Neben leistungsfähigen technischen sind folgende natürliche Barrieren anzustreben:

- Mechanisch und chemisch weitgehend stabile Endlagerformationen in großer Tiefe mit niedrigem Rohstoffpotential, damit die Wechselwirkungen zwischen Abfällen und Gestein möglichst gering, die Radionuklidwanderwege zur Biosphäre möglichst weit und die Gefährdungen der Endlager durch zukünftige Rohstoffsuchende, die von der Existenz der Endlager eventuell nichts mehr wissen, möglichst klein sind ("petrographische Barriere");

- Hohe tektonische Stabilität in der geologischen Vergangenheit, damit die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Aufbrüche der Endlager durch Erdkrustenbewegungen möglichst gering sind ("tektonische Barriere");

- Binnenentwässerung, damit aus den Endlagern entweichende Radionuklide nicht ins Weltmeer gelangen können, sondern räumlich begrenzt festgehalten werden ("morphologische Barriere");

- Arides Klima, damit aus den Endlagern entweichende Radionuklide keine zumindest in der geologischen Gegenwart dichtbesiedelten und intensiv genutzten Kulturlandschaften schädigen können ("klimatologische Barriere").

4. Die bisher verfolgte "nationale Option" der Endlagerung ("Jeder Staat muß die auf seinem Territorium produzierten radioaktiven Abfälle auch auf seinem Territorium endlagern") sollte aufgegeben werden, weil sich das unter 3. dargestellte Multibarrierensystem in vielen Ländern nicht verwirklichen läßt.

5. Seetransporte von bestrahlten Brennelementen oder Wiederaufbereitungsabfällen sollten vermieden und auf langen Strecken (z.B. Japan-Frankreich) untersagt werden (von der UNO?).

6. Aus 5. ergibt sich, daß beispielsweise die auf dem eurasischen Kontinent produzierten und zwischengelagerten Abfälle auch in eurasischen Endlagern zu deponieren sind. In Anbetracht großer Mengen unkontrolliert gelagerter radioaktiver Abfälle aus militärischer und ziviler Produktion in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion bzw. des Ostblocks ist eine enge und invensive Kooperation zwischen west- und osteuropäischen bzw. -asiatischen Staaten bei der Endlagerforschung anzustreben. Dabei ist auch zu prüfen, ob das zentrale Bergwerk- oder das dezentrale Tiefbohrlochkonzept (nach Ringwood) für eine langfristige Isolation bessere Voraussetzungen liefert.

7. Der Unterzeichner empfiehlt, die bis jetzt in der Region Gorleben/Niedersachsen errichteten Zwischen- und Endlagergebäude in ein "Niedersächsisches Museumsdorf für technische Fehlentwicklungen des 20. Jahrhunderts" umzuwandeln, in dem vor allem die Gefährdung der Biosphäre durch den sogenannten Kernbrennstoffkreislauf erläutert und dokumentiert wird.

V. Literatur

Appel, D. et al. (1993): Hydrogeologische und hydraulische Verhältnisse im Bereich des Salzstockes Gorleben als Grundlage für die Beurteilung der Eignungshöffigkeit des Standortes für die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle. - Hannover (Umweltministerium).

Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) (1991): Übertägige geowissenschaftliche Erkundung des Standortes Gorleben. Zusammenfassender Bericht. Stand 01.01.1990. - Arch.-Nr. 108880, Hannover.

Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) (Hrsg.) (1981): Entsorgung, Bd. 1. Bericht von einer Informationsveranstaltung im Rahmen des Energiedialoges der Bundesregierung. Zwischenergebnisse zum Salzstock Gorleben. - Bonn.

Bundesministerum für Forschung und Technologie (BMFT) (Hrsg.) (1983): Entsorgung, Bd. 2. Bericht von einer Informationsveranstaltung am 23.10.1982 in Hitzacker im Rahmen des Energiedialogs der Bundesregierung. Zwischenergebnisse zum Projekt Sicherheitsstudien Entsorgung (PSE). - Bonn.

Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) (Hrsg.) (1984): Entsorgung, Bd. 3. Bericht von einer Informationsveranstaltung des Bundes vor dem Schachtabteufen -Salzstock Gorleben. - Bonn.

Deutscher Bundestag (DB) (1980): Protokoll des Innenausschusses des Deutschen Bundestages: Öffentliche Anhörung der Arbeitsgruppe "Reaktorsicherheit und Strahlenschutz". Welche Möglichkeiten der Endlagerung radioaktiver Abfälle gibt es? Sind Salzstöcke geeignet? - Bonn.

Deutscher Bundestag (DB) (1984): Protokoll des Innenausschusses des Deutschen Bundestages: Öffentliche Anhörung von Sachverständigen zu dem Bericht der Bundesregierung zur Entsorgung der Kernkraftwerke und anderer kerntechnischer Einrichtungen. - Bonn.

Deutscher Bundestag (DB) (1988): Protokoll des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Öffentliche Anhörung von Sachverständigen zu "Beendigung der Arbeiten am Endlager Gorleben" und "Entsorgung - Endlager (Gorleben)". - Bonn.

Deutsches Atomforum e.V. (DA) (Hrsg.) (1979): Rede - Gegenrede. Symposion der Niedersächsischen Landesregierung zur grundsätzlichen sicherheitstechnischen Realisierbarkeit eines integrierten nuklearen Entsorgungszentrums. - Bonn.

Duphorn, K. (1993): Geologie im Bereich des Salzstockes Gorleben. - Hannover (Umwelt- ministerium).

Grimmel, E. (1980): Warum der Salzstock Gorleben-Rambow als Atommüll-Deponie ungeeignet ist. - Z. Dt. Geol. Ges., 131, S. 487-519, Hannover.

Grimmel, E. (1993): Geomorphologie, Salinartektonik und Seismotektonik im Bereich des Salzstockes Gorleben. - Hannover (Umweltministerium).

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Herrmann, A.G., Knipping, B. (1993): Fluide Komponenten als Teile des Stoffbestandes der Evaporite im Salzstock Gorleben. - Hannover.

Lux, K.H. (1993): Begutachtung Eignungshöffigkeit Endlagerprojekt Gorleben. Teilgebiet 'Gebirgsmechanik'. - Hannover (Umweltministerium).

Mauthe, F. (1979): Probleme und Risiken bei der geplanten Einlagerung radioaktiver Abfälle in einem Norddeutschen Salzstock. - Mitt. Geol. Inst. Univ. Hannover, Heft 18, Hannover.

Niedersächsisches Umweltministerium (NU) (1993): Endlager-Hearing Braunschweig. - Bd. 1 u. 2, Hannover.

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Ringwood, A.E. (1980): Safe disposal of high-level radioactive wastes. - Fortschr. Miner., 58, S. 149-168, Stuttgart