Wie sicher sind Atomkraftwerke in Deutschland bei Erdbeben?

 

von Eckhard Grimmel


(Vortrag, gehalten am 7.9.1996 in Wuppertal für den "Freiwirtschaftlichen Jugendverband Deutschland e.V." - überarbeitet).

Übersicht:

I. Einleitung

II. Dokumentation von Erdbeben

III. Die Seismizität Mitteleuropas

IV. Die Ursachen der Erdbeben in Mitteleuropa

V. Das stärkste bisher beobachtete Erdbeben in Mitteleuropa

VI. Erdbeben im Norddeutschen Tiefland

VII. Probleme der seismischen Regionalisierung

VIII. Die Erdbebengefährdung von Atomkraftwerken, am Beispiel des AKW Mülheim-Kärlich

IX. Nachbemerkung

X. Literatur

 

Tabellen:

Tab. 1: Kurze Charakteristik der Erdbeben-Intensitäten (I, MSK-Skala)

Tab. 2: Auslegung der bundesdeutschen Atomkraftwerke gegen Erdbeben




I. Einleitung

Erdbeben sind aus dem Erdinnern kommende Erschütterungen der Erdoberfläche. Als Erdbebenherd oder Hypozentrum wird die Stelle bezeichnet, von der die Erschütterungen ausgehen. Senkrecht über dem Herd liegt an der Erdoberfläche das Epizentrum, das von einem Schüttergebiet umgeben ist. Die Herde liegen im allgemeinen oberhalb von 60 km Tiefe.

Vom Erdbebenherd werden Festkörperwellen unterschiedlicher Art abgestrahlt. Sie unterscheiden sich vor allem durch Wellenlänge, Geschwindigkeit, Energie und Schwingungsrichtung. Als Maß für die Erdbebenstärke wurde von Richter im Jahre 1935 die Magnitude (M) eingeführt, die eng mit der beim Erdbeben freigesetzten Energie verknüpft ist. Als Grundlage für die Berechnung der Magnitude, einer logarithmischen Größe, dienen die Erdbebenaufzeichnungen mehrerer Erdbebenstationen. Daraus wird eine mittlere Magnitude berechnet. Auf diese Weise entsteht die nach oben offene Magnituden- oder Richter-Skala. Die bisher gemessenen Magnituden haben den Wert M = 9 noch nicht überschritten.

Ein anderes gebräuchliches Maß für die Erdbebenstärke ist die makroseismische oder MSK-Skala, welche die sogenannte Erdbeben-Intensität (I) in zwölf Stufen einteilt. Die Intensität wird abgeleitet aus der Art der Auswirkungen, die das jeweilige Erdbeben auf Untergrund, Bauwerke, Einrichtungen, Tiere und Menschen hat (Tab. 1).

Erdbeben können verschiedene Ursachen haben. Etwa 90 % aller Erdbeben haben tektonische Ursachen, d.h. sie werden durch plötzlichen Ausgleich von Spannungen in der Erdkruste verursacht, die ihrerseits auf Krustendeformationen zurückgehen.

Eine andere Ursache haben Einsturz-Erdbeben. Sie sind die Folge eines Deckeneinsturzes unterirdischer Hohlräume, die z.B. durch Auflösung von Evaporiten oder durch Bergbau entstanden sein können.

Als dritter Typ sind Explosions-Erdbeben als Folge von chemischen oder atomaren Sprengungen zu nennen. Bei einem atomaren Test in Nevada im Jahr 1968 wurde eine Magnitude von M = 7 erzielt. Das ist ein Wert, der auch bei starken natürlichen Beben auftritt.

II. Dokumentation von Erdbeben

Über die Erdbeben früherer Jahrhunderte geben historische Berichte Auskunft. Aus den alten Kulturbereichen (China, Orient) sind Schilderungen über Erdbeben erhalten, die vor mehr als 4.000 Jahren aufgetreten sind. In Mitteleuropa reichen solche Darstellungen höchstens 2.000 Jahre zurück. Für die Erdbebenforschung verwertbare Aufzeichnungen, also solche, in denen das Erdbebengebiet und die Art der aufgetretenen Schäden genannt sind, liegen günstigstenfalls seit etwa 1.000 Jahren vor.

Aufgrund der seismischen Messungen und der Auswertung der historischen Aufzeichnungen ergibt sich, daß Erdbeben global verbreitet sind, aber in manchen Gebieten häufiger und meist auch stärker auftreten als in anderen.

Zu den seismisch besonders aktiven Gebieten der Erde gehören die zirkumpazifische und die mediterran-transasiatische Zone, die Zone der ozeanischen Rücken sowie die verschiedenen Zonen der Gräben. Die Gründe für diese Verteilung liegen im tektonischen Aufbau der Erde.

III. Die Seismizität Mitteleuropas

Mitteleuropa gehört zwar nicht zu den Gebieten hoher, aber auch nicht zu denen geringer Seismizität (Erdbebenhäufigkeit und -stärke). Nach Sieberg, dem Altmeister der Erdbebenforschung, wird die Erdbebentätigkeit in Deutschland weitgehend unterschätzt:

"Zwar pflegt ... normalerweise das Jahr bloß wenige Erdbeben harmloser Natur zu bringen, die zahlreichen Herden entstammen können. Aber wie die Chroniken lehren, gehören Erdbeben mit erheblichen Schäden und selbst Zerstörungen, die für längere Zeit das öffentliche Leben völlig beherrschen, keineswegs zu den Seltenheiten: mitunter wurde fast Großbebencharakter erreicht. Außerdem sind nicht wenige Erdbeben lokalen Ursprungs, darunter recht kräftige, für Gegenden bezeugt, die als erdbebenfrei angesehen werden" (Sieberg 1932, S. 711).

Oft liegen Jahrzehnte zwischen zwei Schadenerdbeben.

"Aber gerade dieser oft große zeitliche Abstand läßt die Menschen die Erdbebengefährdung eines Gebietes bald vergessen. Wie bei außergewöhnlichen Wettererscheinungen ist auch hier das menschliche Gedächnis verhältnismäßig kurz. Oft schon innerhalb einer Generation und erst recht bis zur nächsten Generation ist fast alles vergessen" (Hiller 1955, S. 159).

Trägt man alle gemessenen oder historisch dokumentierten Erdbeben in eine Karte ein (Leydecker 1986, S. 14), dann stellt man fest, daß die Erdbebenherde praktisch über das gesamte mitteleuropäische Bruchschollenland verteilt sind, doch daß der Mittelgebirgsraum insgesamt von häufigeren und stärkeren Erdbeben betroffen wurde als das Norddeutsche Tiefland.

Darüber hinaus ist zu erkennen, daß innerhalb des Mittelgebirgsraumes manche Gebiete eine deutlich höhere Seismizität aufweisen als andere. Zu den Gebieten auffallend höherer Seismizität gehört hauptsächlich das Rheingebiet, das Bodensee-Neckargebiet und das sächsisch-thüringische Gebiet.

V. Das stärkste bisher beobachtete Erdbeben in Mitteleuropa

Das stärkste bisher beobachtete tektonische Erdbeben im Bereich des mitteleuropäischen Schollenlandes war das berühmte Erdbeben von Basel am 18. Oktober 1356 gegen 22 Uhr.

Nach den historischen Aufzeichnungen stürzten in Basel die Kirchen samt dem Münster, sehr viele Häuser ganz oder teilweise sowie Abschnitte der Stadtmauer nebst Türmen ein. Eine Feuersbrunst vollendete während mehrerer Tage die Zerstörung. Niederbrennende Trümmer verstopften die Birs und lösten eine Überschwemmung aus. Im Umkreis von 4 Meilen wurden 34 Schlösser, Burgen und Dörfer zerstört. Selbst in dem mehr als 100 km entfernten Straßburg stürzten Schornsteine und Giebelteile ein. Viele Nachbeben folgten monatelang täglich (Sieberg 1940. S. 38). Diesem Erdbeben wird heute im allgemeinen eine Intensität von I = 10 zugeordnet (Leydecker 1986, S. 23).

Alle späteren Erdbeben in Mitteleuropa sollen eine Intensität von I = 8 nicht überschritten haben (Sponheuer 1962, Ahorner et al. 1970). Allerdings sind allein auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik Deutschland eine ganze Reihe von Erdbeben mit der Intensität I = 7 oder I = 8 aufgetreten, seit 1800 allein 35 Erdbeben, vorwiegend im Ober- und Niederrheingebiet sowie im Raum Bodensee-Neckar (Ahorner et al. 1970).

VI. Erdbeben im Norddeutschen Tiefland

Auch aus dem Norddeutschen Tiefland sind etwa 20 Erdbeben örtlichen Ursprungs seit dem 9. Jahrhundert bekannt. Bei den meisten handelt es sich um schwächere Erdbeben.

Als Ursache für das Lüneburg-Erdbeben (1323), das wahrscheinlich eine Intensität von I = 6 gehabt hat, wird ein Einsturz am Gipshut des Salzstockes Lüneburg angenommen (Steinwachs 1983, S. 88).

Das weitaus stärkste tektonische Erdbeben im Norddeutschen Tiefland war zweifellos das Prignitz-Erdbeben (1410), über das im Erdbeben-Katalog von Sieberg (1940, S. 42/43) folgende Angaben gemacht sind:

"1410, August 23, gegen 22 Uhr:

Erdbeben in der Mark Brandenburg mit Herd in der Prignitz. Zu Wittstock erhielt der hohe Turm der Stadtkirche St. Martin auf der Nordseite einen großen, gefährlich Riß. ...

Gefühlt bis zur Ostsee bei Lübeck. In Magdeburg IV-V, in Halle und anschließend auch in Sachsen.

Diesem Erdbeben widmet ein gewisser Jaspar Sarnovius folgende, sicherlich stark übertriebene Verse: ... (in latein. Sprache)

Im Jahr 1410, früher habe ich es nicht gelesen, am Festtag des Bartholomäus, zur Nachtzeit nach der elften Stund, erfolgte dieses allen Deutschen wohlbekannte Erdbeben, das durch Zerbrechen, Erschüttern und Zusammenfallen von Türmen, Burgen und Häusern trotz der kurzen Dauer so fühlbar, stark und schrecklich wirkte.

1412, November 28:

Abermals kräftiger Erdstoß in Havelberg und in der Prignitz".

Selbst im Bereich Schleswig-Holsteins hat sich das Prignitz-Erdbeben offenbar noch erheblich bemerkbar gemacht. Aus zeitgenössischen Quellen zitiert nämlich Duda (1980):

"Ein ungemein heftiges Erdbeben erschreckte in der Nacht auf Bartholomäus hierzulande viele Menschen".

Welche Intensität das Prignitz-Erdbeben gehabt hat, läßt sich nicht mehr genau feststellen. Sicher ist, das eine Intensität von mindestens I = 7 aufgetreten sein muß (Leydecker 1986, S. 23). Falls der Text von Sarnovius jedoch nicht übertrieben ist, dann könnte die Intensität noch wesentlich größer gewesen sein.

VII. Probleme der seismischen Regionalisierung

In Deutschland gilt seit dem Jahre 1975 die "KTA 2201" als verbindliche Planungsgrundlage für alle kerntechnischen Anlagen. In der Fassung von 1990, die mit der von 1975 weitgehend identisch ist, sind folgende Vorgaben enthalten, nach denen die Erdbebengefährdung eines Standortes zu bemessen ist:

Punkt 2 (1):

"Als Bemessungserdbeben ist das Erdbeben mit der für den Standort größten Intensität anzunehmen, das unter Berücksichtigung einer größeren Umgebung (bis etwa 200 km vom Standort) nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auftreten kann".

Punkt 2 (3) d):

"Wenn sich Epizentren oder Bereiche höchster Intensität von Erdbeben in der gleichen tektonischen Einheit wie der des Standorts befinden, ist bei der Ermittlung der Beschleunigung am Standort anzunehmen, daß diese Erdbeben in der Nähe des Standorts eintreten".

Punkt 2 (3) e):

"Wenn sich Epizentren oder Bereiche höchster Intensität von Erdbeben in einer anderen tektonischen Einheit als der Standort befinden, sind die Beschleunigungen am Standort unter der Annahme zu ermitteln, daß die Epizentren oder Bereiche höchster Intensität dieser Erdbeben an dem dem Standort nächstgelegenen Punkt auf der Grenze der tektonischen Einheit liegen, in der sie auftreten".

In der KTA 2201 spielt also der Begriff der tektonischen Einheit eine zentrale Rolle. Doch leider gibt es bis heute keinen geowissenschaftlichen Konsens über diesen Begriff. Das heißt, verschiedene Sachbearbeiter können zu verschiedenen Ergebnissen über Zahl und Abgrenzung der tektonischen Einheiten kommen, je nachdem, welche wissenschaftliche Auffassung sie vertreten oder je nachdem, welchem Herrn sie dienen.

Bevor man eine tektonische Regionalisierung für seismologische Zwecke durchführt, sollte man sich zunächst über folgende Grundtatsachen im klaren sein:

Da noch im Quartär, dem jüngsten Abschnitt der Erdgeschichte, in allen Bereichen des mitteleuropäischen Bruchschollenlandes mehr oder weniger starke Schollenverschiebungen an Bruchflächen stattgefunden haben, muß man folgern, daß praktisch an jedem Standort Mitteleuropas zu jeder Zeit tektonische Erdbeben stattfinden können.

Man kann einschränkend lediglich sagen, daß die zukünftige Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Erdbeben in solchen Gebieten, in denen in den vergangenen Jahrhunderten eine geringere Seismizität beobachtet wurde, geringer ist als in solchen Gebieten, in denen eine hohe Seismizität aufgetreten ist. Aber eine zuverlässige Prognose über Herdverteilung und Stärke zukünftiger Erdbeben ist unmöglich.

Beispielsweise hat man die westliche Schwäbische Alb vor etwa einhundert Jahren als erdbebenfrei angesehen; doch gerade dort traten in den letzten 70 Jahren die stärksten Erdeben in Deutschland auf (Schneider 1975 S. 192).

VIII. Die Erdbebengefährdung von Atomkraftwerken, am Beispiel des AKW Mülheim-Kärlich

Im folgenden soll am Beispiel des Atomkraftwerkes Mülheim-Kärlich am Mittelrhein dargestellt werden, auf welche Art und Weise ein von der Atomindustrie beauftragter seismologischer Gutachter die seismische Gefährdung eines Standortes reduziert hat.

Um den Anforderungen der KTA 2201 gerecht zu werden, mußte der Gutachter feststellen, in welcher tektonischen Einheit der Standort Mülheim-Kärlich liegt und welches das stärkste Erdbeben ist, das am Standort wirksam werden kann.

Nach allgemein vorherrschender wissenschaftlicher Meinung liegt Mülheim-Kärlich in einer tektonischen Einheit, die als "Rhein-Riftzone" oder "Rhein-Grabensystem" bezeichnet wird. Aus seismologischer Sicht wird diese Zone meist als "Rheinische Erdbebenzone" beschrieben. Der Gutachter meinte allerdings, daß man die Rhein-Riftzone in drei "eigenständige seismotektonische Gebietseinheiten" unterschiedlicher Seismizität aufgliedern muß, nämlich in Oberrheingraben, Niederrheinische Bucht und Mittelrheinzone.

Der Oberrheingraben sei gegenüber seiner Umgebung um 4 bis 5 Kilometer, die Niederrheinische Bucht um 1 bis 2 Kilometer abgesenkt worden, und die Mittelrheinzone weise nur relativ unbedeutende Verwerfungen auf, deren Sprunghöhen maximal einige hundert Meter erreichen. Angesichts dieses tektonischen Sachverhaltes sei es nicht verwunderlich, daß auch die seismische Aktivität in den drei Teilabschnitten entsprechend unterschiedlich sei (Ahorner 1990, S. 17 f).

Der Gutachter übersieht bei dieser Überlegung allerdings die Tatsache, daß in der Vergangenheit aufgetretene geologische Prozesse sich nicht unbedingt gleichartig in die Zukunft hinein fortsetzen brauchen. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die vom Gutachter ignorierte Auffassung, zu der man in einem multidisziplinären Forschungsprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Thema "Vertikale Krustenbewegungen und ihre Ursachen am Beispiel des Rheinischen Schildes", an dem er selbst mitgearbeitet hat, gelangt ist, nämlich, daß in Zukunft in der Mittelrheinzone eine Zunahme der seismotektonischen Akti vität möglich ist:

"The continuation of dilatation in the Lower Rhenish Embayment, young tensional faults, seismicity and Quaternary volcanism give the impression that the West European graben system is about to activate its missing link" (Illies und Fuchs 1983, S. 6).

"... a progressive propagation of the initial rifting process from both ends of the zone to its center? If the latter is true, we may presume an intensification of the rifting process and the formation of more outstanding surface features along the rift zone within the Rhenish Massif in the geological future" (Ahorner 1983, S. 214):

Daraus ist zu folgern, daß die Wahrscheinlichkeit zunimmt, daß im Mittelrheingebiet, dem "missing link", Erdbeben derselben Intensitäten und Häufigkeiten auftreten werden, die in der Vergangenheit in den weiterentwickelten Riftabschnitten (Oberrheingraben, Niederrheinische Bucht) aufgetreten sind.

Das bisher stärkste Erdbeben im Bereich des Oberrheingrabens ist das Basel-Erdbeben von 1356. Der Gutachter behauptet jedoch, das Basel-Erdbeben sei ein Sonderfall, der für die anderen Teile der Rheinischen Erdbebenzone nicht maßgeblich sei, da es nur am Südende des Oberrheingrabens im Zusammenhang mit dem Schweizer Faltenjura und dem Rhone-Bresse-Graben habe entstehen können (Ahorner 1990, S. 35f).

Eine solche Interpretation kann richtig sein; sie kann aber auch falsch sein. Denn die genetischen Details des Basel-Erdbebens von 1356 sind selbstverständlich nicht bekannt. Deshalb ist es auch nicht zulässig, das Basel-Erdbeben als lokalen oder räumlich eng begrenzten Sonderfall zu werten und aus der Beurteilung der Erdbebengefährdung der übrigen Rhein-Riftzone auszuklammern.

Übrigens hat der Gutachter bei seiner früheren Beurteilung des Standortes Kalkar am Niederrhein das Basel-Erdbeben berücksichtigt, als er dort eine rechnerische Maximalmagnitude von M = 6,5, dem Basel-Erdbeben mit etwa I = 10 entsprechend, als maßgeblich für die Verwerfungen der Niederrheinischen Bucht ansetzte (Ahorner 1982, S. 3).

Angesichts der Unsicherheit bei der genetischen Erklärung des Basel-Erdbebens von 1356 ist es erforderlich, dieses Erdbeben zumindest im Oberrheingraben als Bemessungserdbeben anzusetzen, wenn man schon nicht bereit ist, es in der Mittelrheinzone oder Niederrheinischen Bucht anzunehmen.

Gemäß KTA 2201, Punkt 2 (3) e) wäre das Basel-Erdbeben dennoch als Bemessungserdbeben für den Standort Mülheim-Kärlich zu berücksichtigen, nämlich am Nordende des Oberrheingrabens (etwa bei Bingen) anzusetzen und seine potentiellen Wirkungen auf den etwa 60 km entfernten Standort Mülheim-Kärlich zu berechnen.

Derartige Berechnungen fehlen jedoch beim Gutachter, da er, wie gesagt, das Basel-Erdbeben zum Sonderfall deklariert und aus der Bewertung für den Standort Mülheim-Kärlich herausgenommen hat.

Als maßgeblich für die Festlegung des Bemessungserdbebens am Standort Mülheim-Kärlich zieht der Gutachter lediglich die historischen Erdbeben von Düren (1756), Tollhausen (1878) und Euskirchen (1951) am Niederrhein mit I = 8 heran. Dabei übersieht er, daß in der KTA 2201, Punkt 2 (1), nicht verlangt wird, nur die Maximalintensitäten der bisher beobachteten Erdbeben zu berücksichtigen, sondern zu prüfen, welches Maximalbeben "nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auftreten kann".

Wenn man dabei feststellt, daß in den vergangenen ca. 1000 Jahren im Mittel- und Niederrheingebiet kein Erdbeben mit einer Intensität größer als I = 8 stattgefunden hat, darf man die maximal mögliche Intensität jedoch keineswegs nur mit I = 8 ansetzen. Denn erstens ist aus geologischer Sicht ein rückwärtiger Beobachtungszeitraum von etwa 1000 Jahren viel zu kurz, um als repräsentativ für die Vergangenheit angesehen zu werden (Ahorner et al. 1970, S. 331). Und zweitens kann sich die zukünftige geologische Faktorenkonstellation so ändern, daß stärkere Erdbeben als die bisherigen auftreten können, ein Vorgang, der wie oben dargestellt, im Mittelrheingebiet keineswegs unwahrscheinlich ist (Illies und Fuchs 1983, S. 6; Ahorner 1983, S. 214).

Selbst aus einfachen statistischen Gründen ist aufgrund der nicht wenigen Erdbeben mit I = 8, die im Rheingebiet bisher beobachtet wurden, durchaus damit zu rechnen, daß diese Intensität zu einem unbestimmbaren Zeitpunkt an einer unbestimmbaren Stelle überschritten wird.

Auch der Gutachter hat derartige Überlegungen schon einmal angestellt. In seinem seismologischen Gutachten zum Standort Ahaus verweist er nämlich darauf, daß die Niederrheinische Bucht in der Vergangenheit bereits Erdbeben bis zur Epizentralintensität I = 8 und zur Magnitude M = 5,6 hervorgebracht habe und daß es aufgrund der geologisch-tektonischen Situation und nach den Ergebnissen von extremwertstatistischen Untersuchungen an dem bisherigen seismologischen Beobachtungsmaterial nicht ausgeschlossen erscheine, daß in Zukunft Ereignisse bis zur Magnitude M = 6,0 oder sogar darüber vorkommen könnten (Ahorner 1978, S. 12).

Aufgrund der ungenügenden geologischen und seismologischen Bewertung des Standortes Mülheim-Kärlich ist also das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich nicht hinreichend erdbebensicher ausgelegt worden.

Das angesetzte Bemessungserdbeben von I = 8 genügt den geowissenschaftlichen Ansprüchen und auch den Anforderungen der KTA 2201 in keiner Weise.

Das AKW Mülheim-Kärlich ist kein Einzelfall. Es ist repräsentativ für alle deutschen Atomkraftwerke. Kein einziges ist hinreichend gegen seismische Einwirkungen ausgelegt (Tab. 2). Denn im Norddeutschen Tiefland ist mit einem maximalen Magnitudenwert von M = 6 bzw. I = 8 oder 9 und in den übrigen Gebieten, beson ders in der Rhein-Riftzone, von M = 6,75 bzw. I = 10 oder 11 zu rechnen (Ahorner 1989, S. 60/61).

Außerdem darf nicht übersehen werden, daß selbst eine vorschriftsmäßige Auslegung eines Atomkraftwerks gegen das potentiell stärkste Erdbeben in einer bestimmten tektonischen Einheit noch keinen zuverlässigen Schutz gegen seismische Einwirkungen liefert.

Denn die Festkörperwellen, die vom Erdbebenherd abgestrahlt werden, sind komplexer Natur, und sie werden noch komplexer, wenn sie auf Bauwerke übertragen werden, die aus sehr verschiedenartigen Bau- und Funktionsteilen zusammengesetzt sind.

Alle Modellrechnungen, auf denen die seismischen Auslegungen der Atomkraftwerke basieren, sind grobe, um nicht zu sagen unzulässige Vereinfachungen der Wirklichkeit, die eine Sicherheit lediglich vortäuschen, aber keineswegs liefern. Das gilt ganz besonders für Atomkraftwerke, die schon lange in Betrieb sind und deshalb mehr oder weniger große Versprödungen der Werkstoffe durch die anlagenspezifische Radioaktivität aufweisen.

Zusammenfassend muß festgestellt werden, daß die in Deutschland betriebenen Atomkraftwerke zum Teil überhaupt nicht, zum Teil nur gegen schwache und vielleicht mittlere, aber nicht gegen starke Erdbeben gesichert sind. Da aber eine sichere Auslegung auch gegen starke Erdbeben aus geowissenschaftlicher und bautechnischer Sicht erforderlich ist, sollten alle Atomkraftwerke stillgelegt werden, um die permanente Gefahr eines katastrophalen Strahlungsunfalls zu vermeiden.

IX. Nachbemerkung

Durch die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts Berlin vom 9.9.1988, des Oberverwaltungsgerichts Koblenz vom 21.9.1995 und wiederum des Bundesverwaltungsgerichts vom 14.1.1998 wurde bestätigt, daß der Genehmigung für das AKW Mülheim-Kärlich "keine ausreichende Ermittlung und Bewertung des Erdbebenrisikos" zugrunde liegt.

X. Literatur

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Tabellen